Historie

Der Beginn

Das milde Klima, die staubfreie Luft und die anmutige Umgebung zwischen uckermärkischen Seen und Wäldern sollten erkrankten Kindern und Frauen zum Gesundwerden verhelfen. Dabei und darüber hinaus ging es um den Kampf gegen die damalige Volkskrankheit Tuberkulose. Deshalb errichtete 1902 der Volksheilstätten-Verein vom Roten Kreuz am Rande des einstigen Ackerbürgerstädtchens Lychen eine Kinderheilstätte. Prof. Dr. Gotthold Pannwitz, Spiritus Rector des Unternehmens, fand am Rande von Lychen am Ufer des Zenssees den passenden Ort, an dem Heilung bringende Naturkräfte wirken konnten, berichtet die Chronik.


Der Aufbau

Die Victoria-Luise-Kinderheilstätte gilt als Keimzelle der später weithin bekannten Hohenlychener Heilstätten. In kurzer Zeit entstanden im Osten des 20 Hektar großen parkähnlichen Geländes drei Schlafhäuser für Mädchen und Jungen, Liegehallen und Wirtschaftsgebäude. Benannt war die Kinderheilstätte nach Prinzessin Victoria Luise, der einzigen Tochter von Kaiserin Auguste Viktoria und Kaiser Wilhelm II.


Die Heilstätten

Innerhalb weniger Jahre eröffneten drei neue Abteilungen für Kinder. Die Ländliche Kolonie Königin-Luise-Andenken versprach Heilerfolg durch Beschäftigung bei Garten- und Feldarbeit. Im Cecilienheim wandte Prof. August Bier Forschungen auf dem Gebiet der Sonnenbehandlung bei äußerer Tuberkulose an. Die dort untergebrachten Kinder kamen in den Genuss von Methoden, „die man sonst nur in besonderer südlicher Höhenlage anwenden zu können glaubte“, so die Chronik. Erholungszwecken diente die Kinderferienkolonie Waldfrieden. Später wurde sie Märkisches Kindererholungsheim.

1913 öffneten sich die Heilstätten auch Erwachsenen mit dem neu errichteten Kaiserin-Auguste-Viktoria-Sanatorium für lungenkranke Frauen des Mittelstandes.


Die Ausbildung

„Die herrliche Lage Hohenlychens, der angenehme gesellschaftliche Verkehr, das schöne Heim zogen die jungen Mädchen an.“ So heißt es über die 1908 gegründete Augusta-Helferinnen-Schule auf dem Areal der Heilstätten. Die Schule vermittelte Kenntnisse in Kinderpflege und Hauswirtschaft und ermöglichte einige Jahre später ihren Schülerinnen, ein staatlich geprüftes Schwesternexamen abzulegen. Viele der jungen Mädchen hätten sich mit Lust und Liebe der Ausbildung in Hohenlychen gewidmet und nicht wenige anschließend eine Anstellung in den Heilstätten gesucht, heißt es in der Chronik.

Dem sozialen Anliegen der Einrichtung folgend, vermittelten eigens eingerichtete gewerbliche Fortbildungsschulen auf dem Gelände geheilten Kindern Grundlagen für deren spätere berufliche Entwicklung. Eine Haushaltungsschule, eine Gartenbauschule, eine Stickereischule sowie eine buchgewerbliche Abteilung gehörten dazu.

 


Die Kaiserin

Da das Frauensanatorium den Namen von Kaiserin Auguste Victoria trug, galt ein Besuch dieser kaiserlichen Majestät als ein Höhepunkt in der Geschichte der Heilstätten. Am 22. Juni 1911 wurde die Kaiserin auf dem Bahnhof Hohenlychen mit einem Feldblumenstrauß empfangen. Historische Aufnahmen zeigen sie im eng taillierten, bodenlangen Kleid, mit wagenradgroßem, federgeschmücktem Hut, Sonnenschirm und weißen Handschuhen. In ihrem Beisein wurde im Gelände ein Reliefbild Auguste Victorias aus carrarischem Marmor enthüllt. Die Kaiserin plauderte mit Kindern und Personal und besichtigte die Einrichtung. Vor allem vom Solbad im Cecilienheim zeigte sie sich entzückt. Sonnenlicht, das durch farbiges Fensterglas fiel, hatte das moderne Badehaus in buntes Licht getaucht.


Die Ausstrahlung

Namhafte Professoren in den Hohenlychener Heilstätten, Erfolge beim Behandeln der Krankheit und nicht zuletzt die malerische Lage in der Uckermark trugen den Ruf der Einrichtung in die Welt. Ein Kurhotel im Areal bot betuchten Erholungswilligen den gesuchten Komfort. Bald sprach man vom Luftkurort Lychen, vom „märkischen Interlaken“. So nimmt es nicht wunder, dass Gäste aus nah und fern anreisten, unter ihnen Dänen, Polen, Amerikaner, Japaner, sogar der Leibarzt des Kaisers von China. Der Bürgermeister von Tokio verbrachte seinen Urlaub in Hohenlychen und das griechische Kronprinzenpaar. 


Der Fortschritt

Hatte die Victoria-Luise-Kinderheilstätte 1902 anfangs mit drei bescheidenen Baracken begonnen, so wies das Areal am Ufer des Zenssees in den zwanziger Jahren stattliche, meist im Villenstil errichtete Gebäude auf. Stolz berichtete der Verwaltungsdirektor 1926, dass die lang ersehnte Rundfunkanlage von Siemens & Halske nun installiert sei und mittels 19 Lautsprechern das Berliner Programm übertrage. Zwei Jahre später war die Parkbeleuchtung vollendet. Eine neue Fernsprechanlage von Siemens „ermöglicht einen ungehinderten Tag- und Nachtverkehr“, so die Chronik für das Jahr 1928. 1931 listet sie 42 massive Gebäude, 16 Fachwerk- und Holzgebäude sowie zwei Schiefergebäude auf.


Die Goldmedaille

In den dreißiger Jahren verlagerte sich der Schwerpunkt der Hohenlychener Heilstätten unter anderem auf Sport- und Arbeitsschäden. Vor und nach der Olympiade 1936 in Berlin sollen sich Olympioniken hier aufgehalten haben. Unter ihnen, so heißt es, auch Dora Ratjen. Sie hatte bei den Leichtathletik-Europameisterschaften 1938 Gold geholt hatte und mit 1,70 Meter zugleich einen neuen Weltrekord im Hochsprung aufgestellt. Wenige Tage später stellte sich heraus, dass Dora Ratjen ein Mann war. Ihm wurde daraufhin die Goldmedaille im Frauenhochsprung aberkannt. Die tragische, noch immer von Geheimnissen umwobene Geschichte dieses Sportlers beschäftigt die Gemüter bis heute. Das zeigt auch der 2009 uraufgeführte deutsche Spielfilm „Berlin 1936“.


Die Gegenwart

Zum Lazarett umfunktioniert, hatten die Hohenlychener Heilstätten den Zweiten Weltkrieg unbeschadet überstanden. Anschließend waren dort bis 1993 sowjetische Streitkräfte stationiert.

Nachdem das Areal einige Zeit leer stand, wird es seit wenigen Jahren als Hotelpark Lychen zu neuem Leben erweckt. Nach und nach erhält die einstige Parklandschaft ihr ursprüngliches Gesicht zurück. Auf einem fünf Hektar großen Abschnitt schafft die Rekonstruktion mehrerer villenartiger Gebäude Raum für hochwertige Ferienwohnungen. Sie sind durch die umgebende Parkanlage mit dem Zenssee verbunden, der sich ins Mecklenburger Seengebiet einbindet. Die Landschaft ist zum Wasserwandern, Schwimmen, Jagen, Reiten, Eisangeln oder Spazierengehen gleichermaßen gut geeignet.